Designleistungen bewerten und kalkulieren

UdK CTC (06.03.2018)

Erfolgreich als Designer: Im Gespräch mit Joachim Kobuss

Wenn junge Designer/innen erste Aufträge generieren, finden sie sich in einem Meer an Ratgebern wieder. Was ist das Besondere an Ihrem Buch und was macht es insbesondere für Studierende und Berufseinsteiger interessant?

  • Das Meer an Honorar-Ratgebern ist (trotz seiner Vielfalt) in den Inhalten doch eher überschaubar einseitig auf (scheinbar) allgemeingültige Richtlinien, Empfehlungen, (sogenannte) Tarife und Kalkulationsbeispiele beschränkt. Diese vermitteln gerade den Studierenden und Berufseinsteigern das Bild eines quasi geregelten Marktes, gerade weil Kalkulationsbeispiele angeblich häufig angewandt werden. Diese vermeintliche Praxis ist allerdings kein verlässlicher Hinweis auf eine sinnfällige und nachhaltig erfolgreiche Bewertungs- und Kalkulationsstrategie (was man an dem sehr hohen Anteil prekärer Marktteilnehmer erkennen kann). Außerdem vermitteln »Ratgeber« den Eindruck von Eindeutigkeit und sind nicht selten von Allmachtsfantasien getrieben. Unser Buch ist daher weniger ein »Ratgeber« im vorgenannten Sinne, sondern vielmehr ein »Kopfbuch«, das - ohne Vorgaben von Richtlinien et cetera (die kritisch analysiert werden) - eine auf die eigene Persönlichkeit bezogene Herangehensweise anbietet, ohne dogmatisch zu sein. Das Besondere an unserem Buch ist, dass es einen vertiefenden Einblick in Bewertungs- und Akquisitions-Strategien bietet, die Leser/innen unmittelbar auf sich selbst beziehen können. Außerdem werden die völlig verschiedenen Bewertungsansätze von Leistung (der Designer) und Nutzen (der Auftraggeber / Kunden) dargestellt und darauf aufbauend praktische Handlungsstrategien beschrieben. Das macht es gerade auch für Studierende und Berufseinsteiger interessant.

Ihr Buch beginnt mit einem sehr ausführlichen Teil »Selbstwert«. Der Fokus auf die eigentliche monetäre Bewertung von Designleistungen beginnt erst nach über 100 Seiten. Warum legen Sie einen solch starken Fokus auf die Person und Persönlichkeit des Designers?

  • Person und Persönlichkeit des Designers sind der Schlüssel zur selbständigen Erkenntnis, die eine Voraussetzung ist, um über die eigenen Motive, Fähigkeiten und Kompetenzen nachzudenken und daraus für sich zielgerichtet zu handeln. Dahinter steckt das Prinzip der Problemorientierung (welche klugen Fragen sind relevant?) - anstelle der Lösungsorientierung (wie etwa Ratgeber). Albert Einstein hat das treffend formuliert: »Das Problem zu erkennen ist wichtiger, als die Lösung zu erkennen, denn die genaue Darstellung des Problems führt zur Lösung.« In diesem Sinne ist das Buch entstanden und entsprechend gestaltet, einschließlich der Kalkulationsmethodiken (im Teil III).

In Ihrem Buch finden sich kaum Zahlen, dafür Exkurse in Politik, Philosophie und Soziologie. Wie lösen Sie das Versprechen des Titels »Erfolgreich als Designer« ohne eine einzige Beispielkalkulation ein?

  • »Erfolgreich als Designer« zu sein, ist in erster Linie eine Definitionsfrage (die in der Einführung erläutert wird): Was ist für mich Erfolg? Das ist eine politische, philosophische und soziologische Frage. Politisch - weil sich Designer fragen müssen, wie sie sich klassifizieren, welche Effekte sie für die Gesellschaft und Wirtschaft generieren, wie sie Innovationen schaffen und dafür anerkannt werden. Philosophisch - weil sich Designer fragen müssen, wie sie sich technowissenschaftlich, rechtlich-politisch, moralisch und ethisch einordnen. Soziologisch - weil sich Designer fragen müssen, wie sie ihren Wahrheitswert (Mentefakte), ihren Nützlichkeitswert (Soziofakte) und ihren Schönheitswert (Artefakte) definieren. Bei der Beantwortung dieser Fragen helfen Beispielkalkulationen nicht weiter, lenken vielmehr vom Wesentlichen ab. Außerdem gibt es Beispiele schon mehr als genug. So gesehen ist unser Buch ein praxisorientierter Strategiegeber.

Wie ist Ihr eigener Weg? Gibt es eine persönliche Geschichte hinter Ihrem besonderen Engagement?

  • Ja, eine sehr lange, über 40 Jahre währende, persönliche Geschichte. Ich komme aus der Wirtschaft, bin also gewohnt, einerseits ökonomisch effizient und andererseits politisch effektiv zu denken. Mit diesem Hintergrundwissen arbeite ich mit Designern in den unterschiedlichen Kontexten zusammen: als Fachberater, Kollege, Initiativ- und Geschäftspartner, Auftraggeber, Coach, Dozent und Forscher. Diese Erfahrungen haben mir im Laufe der Zeit gezeigt, dass Erfahrungs- und Informationswissen ohne Interpretationskompetenz wertlos ist. Denn genau diese Kompetenz ist der Schlüssel zu einer »erfolgreichen« persönlichen und beruflichen Entwicklung. Das war und ist ein langer Prozess für mich, der sich teilweise auch in der Entwicklung meiner Buchreihe nachvollziehen lässt. Neben drei Handbüchern (für Designbusiness und Designrechte) sind in den letzten zehn Jahren zwei »Kopfbücher« (für Designleistungen und Designzukunft) entstanden. Mich treibt die Erkenntnis, dass Designer/innen trotz rasant zunehmender Bedeutung (der Bedarf steigt, die Umsätze steigen und immer mehr Akteure sind im Markt) immer noch nicht angemessen wertgeschätzt werden - also angemessen belohnt und honoriert. Die Zahl der prekär tätigen Designer/innen nimmt seit Jahren zu, trotz wachsender Effekte ihrer Leistungen für die Gesellschaft. Irgendwie ist es im Laufe der Jahrzehnte zu meiner Lebensaufgabe geworden, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen - als Autor, der die Branche stets kritisch und zugleich wohlwollend begleitet und beobachtet.


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