Designzukunft denken und gestalten

Wenn ich sage, dass ich Designer bin, erhellen sich die meisten Gesichter: Ach so, Sie sind Künstler! Sofort weise ich diese Kategorisierung zurück, muss dann aber schnell meine Kurzdefinition abliefern: Künstler visualisieren ihre Sicht der Dinge, ohne Auftrag, aus eigenem Antrieb, wegen des Leidensdrucks, warum auch immer. Designer hingegen arbeiten für Auftraggeber, visualisieren also deren Probleme, Vorstellungen, Botschaften. Der Auftraggeber zahlt dafür, wenn sein Problem gelöst ist. In manchen Fällen stellt das Produkt der Designarbeit (und damit meine ich nichts zum Anfassen im Sinne eines Gebrauchsgegenstandes, sondern meist einen Gegenstand für den geistigen Gebrauch) auch ein ästhetisch ansehnliches Erzeugnis dar, das zur Betrachtung außerhalb seiner natürlichen Umgebung – also normalerweise: Supermarkt, Buchladen, Wohnzimmertaugt. Mitunter gelangen Erzeugnisse der Sparte Grafik-Design sogar in eine Galerie, in einen Katalog oder sogar ein Museum, was eigentlich ihren sofortigen Tod als ernstzunehmende Problemlösungen zur Folge haben müsste.

Mit Künstlern werden wir gerne verwechselt, weil wir künstlerische Mittel verwenden, wie Zeichnen, Skizzieren, ins Unreine denken, aber auch, weil wir uns gerne als Künstler aufführen, uns also unkonventionell kleiden, zu spät kommen und uns überhaupt ungehörig aufführen. Sind wir einmal als Künstler verschrieen, ist die Beurteilung unserer Arbeit nach normalen, geschweige denn betriebswirtschaftlichen oder gar wissenschaftlichen Kriterien nicht mehr möglich. Dieser Geniebonus ist bequem, sorgt aber auch dafür, dass wir nicht ernst genommen und immer erst ganz am Ende eingeschaltet werden. Der Pausenclown darf sich eben alles erlauben, er darf nur nicht die eigentliche Veranstaltung stören.

Wie die Autoren dieses Buches eindringlich und überzeugend belegen, ist die Zeit der Designer als unterhaltsame Nebendarsteller vorbei. Wir sind gefordert, unsere Fähigkeiten anders einzusetzen als nur zum unmittelbaren wirtschaftlichen Erfolg unserer Auftraggeber, nachhaltiger also.

Joachim Kobuss und Michael B. Hardt kommen aus der Designpraxis, was sie nicht daran hindert, eben diese Praxis grundsätzlich infrage zu stellen. Aber lesen Sie selbst. Immerhin ist Design zuallererst eine intellektuelle Tätigkeit, und auch das Hirn will trainiert sein. Sie werden nach der Lektüre dieses Buches klüger sein als vorher.

© Prof. Dr. Erik Spiekermann · 2011


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