Nachhaltigkeit – Systainability what?

Über die Kunst der nachhaltigen Gestaltung

Wir leben in einer Zeit wohlklingender leerer Worthülsen. In ihrem Bestreben, das Alltägliche als etwas Besonderes erscheinen zu lassen, übertreibt die Werbeindustrie in der Erfindung neuer oder dem Missbrauch bestehender Begriffe. Nicht selten wird die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge weit überschritten. Der Ein-Aus Schalter einer Kaffeemaschine mutiert zum »Manual Power Supply Device«, ein gewöhnlicher Laden heisst »Mega Store« und ein dekorativ geformtes Produkt wird als »Design Innovation« bezeichnet. Diese schlechte Angewohnheit, die Sprache zu vergewaltigen, verbreitet sich wie eine Krankheit. Eines ihrer letzten Opfer ist der Begriff Nachhaltigkeitgerne auch in Englisch benutzt: Sasstänebillitie (Sustainability). Unerträglich wird es, wenn zwei falsch benutzte Begriffe kombiniert werden: Sustainable Design. Der Gipfel des Unmöglichen wird dann erreicht, wenn eine ganze Berufsgruppe diesen falschen Begriff als neues Tätigkeitsfeld anpreist. Sollte man nicht zuerst die Terminolgie definieren, bevor man nach Aussen den Eindruck erweckt, ein neues Tätigkeitsfeld anzubieten?
 
Was um alles in der Welt ist nun »Sustainable Design – nachhaltiges Design?« Was ist Nachhaltigkeit? Was ist Design?
Reden wir von gestalteter Nachhaltigkeit oder nachhaltiger Gestaltung?
 
Wir möchten dazu beitragen, eine Antwort zu finden. Beginnen wir mit dem Begriff »Nachhaltigkeit«.
 
Jeder Organismus auf diesem Planeten ist egoistisch. Vorne buddelt er ein Loch und hinten hinterlässt er einen Haufen, ohne im Geringsten über Nachhaltigkeit oder die ökologischen Folgen nachzudenken.  Dies wäre eine Katastrophe, wären nicht alle Organismen als Knoten eingebunden in ein nachhaltiges Netzwerk, vereinfacht auch als Nahrungskette bezeichnet. Wir nennen dieses Netzwerk »Natur«. Der Abstand der einzelnen Netzknoten voneinander beschreibt die Grenzen eines jeden Organismus. Der Mensch war die erste und bislang einzige Gattung der es erfolgreich gelang, diese natürlichen Grenzen durch die Schaffung eines künstlichen Netzwerks zu erweitern. Er gab diesem System den Namen »Kultur«.
 
Kultur ist demnach der künstlich gestaltete Versorgungskreislauf in Ergänzung und unter Ausnutzung der Natur, eine Überlebensstrategie innerhalb der Natur. Der ständige Überlebenskampf geschah mit der Natur, niemals gegen sie. Die mächtigen technischen Errungenschaften, insbesondere die der vergangenen 300 Jahre, erweckten bei den Menschen den irrtümlichen Eindruck, sie könnten die Natur beherrschen. Dieser Größenwahn hat den zerstörerischen Nebeneffekt, dass der »kultürliche« Kreislauf sich zunehmend vom natürlichen Kreislauf entfernt. Aber Kultur gegen die Natur ist keine Überlebens- sondern eine Selbstmordstrategie.
 
Die Menschheit beginnt nun langsam zu begreifen, dass sie zwei Möglichkeiten hat:
1. Der Mensch kehrt zurück zu nachhaltigem Verhalten und es gelingt, den kulturellen Kreislauf mit dem natürlichen Kreislauf wieder zu verbinden.
2. Der Mensch stirbt aus wie die Dinosaurier, da der künstliche Kreislauf ohne den natürlichen Kreislauf nicht funktionieren kann.
 
In einem Konflikt zwischen Kultur und Natur wird die Natur immer gewinnen. Natur kann ohne Kultur, Kultur aber nicht ohne Natur überleben.
 
In früheren Zeiten war man sich dieses Zusammenhangs zwischen Kultur und Natur durchaus bewusst. Das Zitat von Aristoteles (Physik Band 2 Teil 2), wonach die Kunst die Natur nachahmen solle, wird heute völlig falsch interpretiert. Der Begriff Kunst bedeutete in der Antike nicht das, was wir heute darunter verstehen. Er bezeichnete das künstlich Geschaffene, nicht das künstlerisch Geschaffene; nachahmen bedeutete nicht kopieren, sondern respektieren.
 
»Und Gott, der HERR, nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, ihn zu bebauen und ihn zu bewahren.« (GENESIS 2.15 · hebr. »abad«: benutzen, behauen · »shamar«: bewahren, Sorge tragen für etw. nachhalten). 
 
Es gibt keine Religion, die nicht davor warnt, die Natur zu missachten. Man könnte fast geneigt sein, die Geschichte von Adam und Eva umgekehrt zu lesen. Nicht die ersten, sondern die letzten Menschen leben im Paradies. Wir haben die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis nicht ordnungsgemäß mit dem Biomüll entsorgt und demnächst wird unser Mietvertrag gekündigt. Peinlich, peinlich – wir haben keinen Ersatz für die Welt. 
 
 
© Michael B. Hardt · März 2012