Bas Kast: Ich weiß nicht

»Ich weiß nicht, was ich wollen sollWarum wir uns so schwer entscheiden können und wo das Glück zu finden ist«. Glück ist, sich zu entscheiden.

In den letzten Tagen sind mir zwei Artikel (über die Nebenwirkungen der Freiheit und die Risiken des Reichtums) von Bas Kast im Berliner Tagesspiegel aufgefallen. Hintergrund ist das soeben erschienene neue Buch von ihm. Ich erinnerte mich, vor einigen Jahren sein Buch »Wie der Bauch dem Kopf beim Denken hilft – Die Kraft der Intuition« gelesen zu haben (eine verständliche Einführung in die neurowissenschaftlichen und psychologieschen Hintergründe). Es hatte mir geholfen Intuition besser zu verstehen. Da mich das Thema Freiheit schon lange beschäftigt, hoffte ich auf Anregungen und nutzte die Ostertage u.a. dazu, sein neustes Buch zu lesen.

Von den Freiheits- und Wohlstandsparadoxien bis zu unserer Rastlosigkeit, spannt der Psychologe und Autor einen Bogen über unsere Qual der Wahl und des Zuviel an Möglichkeiten.
 
Das eine allzu große Wahl ein Qual ist, kennen alle die in einem Supermarkt vom riesigen Angebot schier erschlagen werden. Bas Kast beschreibt Studien, die zu dem Ergebnis gekommen sind, dass ein Zuviel, Entscheidungen sogar verhindert. Neben Kaufentscheidungen geht er insbesondere auf die Frage der Partnerwahl ein und hinterfragt unsere Bindungsschwächen.
 
In diesem Zusammenhang vermutet er, dass viele Möglichkeiten unsere Psyche im engeren Sinne strapazieren, und dies in mindestens dreierlei Hinsicht:
1. »Je zahlreicher die Alternativen, zwischen denen wir wählen können, desto mehr Alternativen gibt es auch, die wir abwählen müssen und denen wir nachtrauern können.« (Wirtschaftlich betrachtet handelt es sich hier um Opportunitäts- oder Alternativkosten – also Gewinne die uns entgehen.)
2. »Mit der Zahl der Alternativen steigen nicht nur die Alternativkosten, sondern auch die Erwartungen an die gewählte Alternative.« (Der Partner oder das Produkt muss den Verzicht auf Andere auch wert sein.)
3. »Wer keine Wahl hat, den trifft auch keine Schuld. Je freier wir umgekehrt sind, desto mehr Raum öffnet sich auch für Schuldgefühle und Reue.« (Je mehr Wahlmöglichkeiten – desto mehr »hätte-ich-doch«. Je mehr »hätte-ich-doch« – desto mehr Reue. Je mehr Reuer – desto weniger Zufriedenheit/Glück.)
 
Ein weitere Aspekt der Freiheit ist der Unterschied zwischen verlieren und versagen. Unzufriedenheit (unglücklich sein), nicht mit dem Leben zurechtkommen, zu »scheitern« ist umso schmerzhafter, je stärker unsere Gesellschaft uns den Eindruck vermittelt, dass sie uns den Weg zum glücklichen Leben ausdrücklich ermöglicht. In einem totalitären System scheitern, ist tragisch oder vielleicht auch heldenhaft. In einem freien Land – mit tatsächlich oder vermeintlich allen offen stehenden Türen – verlieren, heißt versagen.
 
Im dritten Teil des Buches geht er auf unsere Ruhelosigkeit ein und definiert drei Unruhestifter:
1. »Die Freiheit.« (»Freiheit von« und die daraus resultierende positive »Freiheit zu«. Im Sinne von Erich Fromm, aus seinem Buch »Die Furcht vor der Freiheit«. Und dem was unser neuer Bundespräsident, Joachim Gauck, unter Freiheit versteht.)
2. »Die stete Ausweitung unserer Möglichkeiten.« (Eine Sache richtig tun und die Gegenwart genießen, statt im Kopf schon die nächste Sache vorwegzunehmen.)
3. »Zeit = Geld.« (Neben der Freiheit eröffnet uns vor allem der Wohlstand viele Möglichkeiten. Allerdings wird mit Geld die Vorstellung, Zeit zu verschwenden oder wegzuwerfen fassbarer. Das führt zu dem Lebensgefühl, jede Aktivität auf ihre Produktivität und Verwertbarkeit hin überprüfen zu müssen.)
 
Weitere Aspekte sind für Bas Kast die Anonymität, die Aufmerksamkeitsdefizitgesellschaft und die Stadneurose (von den hohen Geschwindigkeiten bis zum geringeren CO2-Ausstoß).
 
Abschliessend beschreibt er, wo das Glück zu finden ist und fasst das in folgenden Punkten zusammen:
  • »Raus aus dem Hamsterrad, rein ins Leben«
  • »Geld oder Liebe?«
  • »Schluss mit dem ewigen Ich-könnte-doch – lieber ausprobieren«
  • »Vom Immer-Schneller und Immer-Mehr zum klugen Verzicht«
Ich möchte das ergänzen: Besser eine Entscheidung treffen, als keine. Das ist im Augenblick der Entscheidung – egal wie – immer richtig. Im Nachhinein kann dies auch anders bewertet werden (falsch?) – ist im Moment der Entscheidung aber richtig – da keine Entscheidung immer falsch ist und bleibt.
 
Das gilt für alle: Designer (wie Sie?) und Unternehmer (wie Sie? und mich) – Angestellte und Selbstständige – Berufstätige und Private.
 
Meine Empfehlung zum Buch: Lesen. Auch wenn Sie wissen, was Sie wollen (sollen).
 
S.Fischer-Verlag, Frankfurt a.M. 2012
ISBN 978-3-10-038303-7
 
Joachim Kobuss · April 2012